"Einige therapeutische Methoden wurden jedoch nie oder selten systematisch auf ihre Wirksamkeit bei autistischen Störungen untersucht, darunter auch die Physiotherapie: Es entspricht jedoch der Erfahrung von Klinikern oder Eltern, dass solche Techniken die Lebensqualität des Patienten und dessen Selbständigkeit im Alltag verbessern können. Hier zu nennen sind bspw. Logopädie zur Förderung der Sprech- und Sprachfähigkeit sowie non-verbalen Kommunikation, Ergotherapie zur Förderung der Selbständigkeit bei alltagspraktischen Verhalten und Verbesserung der Feinmotorik sowie Physiotherapie zur Verbesserung von Koordination und Grobmotorik." (Poustka et al. 2004, S. 40)

Im Rahmen des Bundeskongresses Physiotherapie Anfang Oktober 2009 wurde Gudrun Holl für die Bachelorarbeit „Möglichkeiten der Physiotherapie beim Asperger-Syndrom – Eine Übersichtsarbeit“ vom Wissenschaftsrat des Deutschen Verbandes für Physiotherapie – Zentralverband der Physiotherapeuten/Krankengymnasten (ZVK) e. V. mit dem ZVK-Studienpreis 2009 ausgezeichnet.
Der Bundeskongress Physiotherapie verzeichnete um die 800 Teilnehmer, auch die Deutsche Gesundheitsauskunft war in Leipzig vertreten. Die Kongresstage waren sehr gut organisiert, rege von interessierten Fachleuten besucht sowie geprägt von informativen, fruchtbaren und anregenden Veranstaltungen und Gesprächen.
Erfreulicherweise bot sich auch die Gelegenheit, Frau Holl kennenzulernen. – Es entstand die Idee, das Thema ihrer vom ZVK mit dem Studienpreis 2009 ausgezeichneten Bachelorarbeit einer breiten Öffentlichkeit in Form eines Artikels in Interviewform auf der Deutschen Gesundheitsauskunft näher zu bringen:
Jutta Kühl: Frau Holl, "Asperger-Syndrom" - das ist eine Begrifflichkeit, die viele Menschen schon einmal gehört haben, ohne genau zu wissen, was dahinter steckt. Könnten Sie zunächst kurz beschreiben, um was für ein Krankheitsbild es sich beim Asperger-Syndrom handelt?
Gudrun Holl: Das Asperger-Syndrom (AS) gehört zu den so genannten "tiefgreifenden Entwicklungsstörungen". Diese umfassen im Wesentlichen verschiedene Störungen, deren Symptomatiken umgangssprachlich als "Autismus oder autistische Störungen" bezeichnet werden.
Obwohl das Störungsbild bereits 1940 von Hans Asperger beschrieben wurde, wird es erst seit den 1990iger Jahren bekannter. Einer in Schweden durchgeführten Studie zufolge tritt es mit einer Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von 3,6 / 1.000 Schulkindern auf. Es ist also etwa jedes 300. Kind von Geburt an betroffen, wobei die Störung zumeist bis ins Erwachsenenalter bzw. lebenslang besteht.
Es wird vermutet, dass das Asperger-Syndrom genetisch bedingte Ursachen hat. Diese führen bei verschiedenen das Gehirn betreffenden Funktionen zu einem Integrationsdefizit. Nach Atwood (2006) wirkt sich dies durch Beeinträchtigungen in den Bereichen Kognition (= Denken, Verständnis), Kommunikation, Routinen und Interessen, Sozialverhalten, aber auch Motorik und sensorischer Empfindlichkeit aus.
Jutta Kühl: Können Sie konkret beschreiben, wie man sich diese Beeinträchtigungen, zum Beispiel im Bereich der Wahrnehmung oder des Sozialverhaltens vorstellen kann? Welche Schwierigkeiten haben Menschen, vielleicht auch besonders im Kindesalter, die vom Asperger-Syndrom betroffen sind?
Gudrun Holl: Beeinträchtigungen in der Motorik und Koordination zeigen zwischen 50 und 90 Prozent der Betroffenen, wobei einige eine leicht nachweisbare "unreife" Motorik, andere eine erstaunlich altersgemäße Motorik zeigen, wenn sie medizinisch untersucht werden, nicht aber bei spontanen motorischen Aktivitäten im Alltag.
Die Motorik kann sich in Form einer "unbeholfenen" Fortbewegung, auch z.B. durch fehlenden Armpendel, zeigen. Gleichgewichtsprobleme treten häufig, z.B. beim Einbeinstand mit geschlossenen Augen und Tandemgehen (gehen auf einer Linie wie auf einem Seil), auf. Schwierigkeiten in der Koordination und manuellen Geschicklichkeit zeigen sich u. a. in den Fertigkeiten, beide Hände zu benutzen wie beispielsweise beim Anziehen, Binden der Schnürsenkel oder beim Essen mit Besteck, aber auch in handschriftlichen Fähigkeiten. Daneben zeigen sich dyspraktische Störungen, das heißt Handlungsentwürfe können nur unzureichend umgesetzt werden.
Im Alltag sind häufig neben einer allgemeinen "Ungeschicklichkeit" zum Beispiel das Fahrradfahren oder Schwimmen lernen beeinträchtigt. Handlungsabfolgen wie "Duschen und Anziehen" können trotz der Kenntnisse der Einzelschritte nicht automatisch umgesetzt werden. Auch zeigen sich beeinträchtigte Fähigkeiten für Ballspiele aufgrund schlechter Koordination der Armbewegungen und Timing, aber auch durch Vermeidung der Blickrichtung, in die der Ball geworfen werden soll.
Hinsichtlich der Sensorik wird eine Anomalie der sensorischen Sensibilität bei ca. 40 Prozent der Menschen mit Asperger-Syndrom (Atwood 2005), die sich in veränderten oder auffälligen Empfindlichkeiten zeigt, angenommen; zum Beispiel bei bestimmten
Anomalien der Sensorik können sich aber auch durch visuelle Wahrnehmungsverzerrung oder Synästhesien - das heißt Mitempfindung in einem Sinnesorgan bei Reizung eines anderen, zum Beispiel Geräusche als Farben sehen - bemerkbar machen.
Sprache / Kommunikation: Betroffene mit AS bevorzugen häufig eine sehr gewählte Ausdrucksweise - überakzentuierte Sprache - obwohl die kommunikative Funktion der Sprache eingeschränkt ist. Menschen mit AS sind in der Fähigkeit ein Gespräch zu führen, häufig beeinträchtigt. Phonologie (= Lautstruktur) und Syntax (= Satzbau) erfolgen meist nach denselben Mustern wie bei anderen Menschen; spezielle Bereiche der Pragmatik (= Gebrauch der Sprache), Semantik (= Bedeutung) und der Prosodie (= Lautklang, zum Beispiel Silbenbetonung) sind hingegen auffällig.
In der Kunst der Konversation (Pragmatik) liegt das Problem im Gebrauch der Sprache in ihrem sozialen Kontext. Beispielsweise beginnt ein solcher Mensch die Interaktion mit einer Bemerkung, die mit der gegenwärtigen Situation nichts zu tun hat, oder er verletzt die sozialen und kulturbedingten Regeln. Merkmale wie Gedankenpausen, Themenwechsel, unpassende Bemerkungen oder Unterbrechungen von Unterhaltungen, aber auch fehlende spontane Nachfrage oder Kommentare, die wörtliche Interpretation von Redewendungen oder Metaphern erschweren Konversation und Kommunikation (Attwood 2005, S. 76-90).
Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion zeigen sich durch die Schwierigkeit bis hin zur Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen zu interagieren, kommunizieren oder in Kontakt zu treten, fehlendes Verständnis für soziale Signale oder sozial und emotional unangebrachtes Verhalten. Beispiele der Auffälligkeiten in der nonverbalen Kommunikation können sein: begrenzte Gestik, unbeholfene linkische Körpersprache, eingeschränkte Mimik, unangemessener Ausdruck oder den sonderbareren, meist starren Blick (Blickkontakt), Schwierigkeit die Gefühle anderer zu erspüren, Unfähigkeit Botschaften mit den Augen zu geben oder die Angewohnheit, zu nahe an andere Leute heranzutreten.
Jutta Kühl: Wie kamen Sie auf die Idee, eine Arbeit zum Asperger-Syndrom zu verfassen?
Gudrun Holl: In meiner Berufstätigkeit als Psychologin im ATZ (Autismus Therapie Zentrum) hat mich vom ersten Tag an irritiert, dann aber auch zunehmend empört, dass keines dieser Kinder / Jugendlichen mit AS Physiotherapie erhält. Denn gerade Beeinträchtigungen der Motorik, Sensorik, und Koordination gehören zu den originären Anwendungsfeldern der Physiotherapie. Mit der Zeit habe ich die Frage - warum keine Physiotherapie?! - anders formuliert und mich gefragt: Welche physiotherapeutischen Techniken / Behandlungsmethoden könnten - auch in Ergänzung der anderen Therapien - beim Asperger-Syndrom hilfreich sein? Einen ersten Überblick und mögliche Antworten auf diese Fragen habe ich versucht, im Rahmen meiner Bachelorarbeit zu finden.
Jutta Kühl: Welche therapeutischen Maßnahmen welcher Fachdisziplinen werden üblicherweise beim Asperger-Syndrom angewandt?
Gudrun Holl: Im therapeutischen Setting in der Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom sind überwiegend Pädagogen (Heil-, Sozial-, Diplom- und Sonderpädagogen) und Psychologen beteiligt. Eingesetzt werden Therapieansätze wie TEACCH, Verhaltenstraining, Theory of Mind Training, Interaktionstraining, Social Stories und heilpädagogische Entwicklungsförderung, Training zur Erkennung von Emotionen, u.a.
Kinder- und Jugendspsychiater unterstützen vorwiegend medikamentös, sofern Symptome wie Zwänge, Unruhe, Ängste etc. dies erfordern. Darüber hinaus erhalten einige Kinder und Jugendliche Motopädagogik und Ergotherapie sowie zur Begleitung in der Schule eine Schulintegration oder zur Entlastung der Familie Freizeitassistenzen.
Eine umfassendere Liste der oben genannten therapeutischen Ansätze inklusive kurzer Beschreibung findet sich im Glossar meiner Arbeit. Die Arbeit in voller Länge ist abrufbar unter www.physio-akademie.de, Menüpunkt "Forschung & Evaluation", Unterpunkt "Abschlussarbeiten Datenbank", Unterpunkt "Bachelorarbeiten", Detailanzeige Holl, Gudrun (-> siehe weiterführende Info-Links am Ende des Artikels, Anmeldung bei physio-adademie.de erforderlich).
Jutta Kühl: Welche besonderen Chancen ergeben sich durch Physiotherapie beim Asperger-Syndrom?
Gudrun Holl: Ein Schwerpunkt meiner Arbeit besteht u. a. im Aufzeigen von Übereinstimmungen der Entwicklungs- und Störungsmodelle, die einerseits dem Asperger-Syndrom und andererseits den ausgewählten physiotherapeutischen Konzepten (Bobath, Vojta, Affolter und Psychomotorik) zugrunde liegen. Ebenso werden die Merkmale und Ausprägungen des AS mit den Symptomatiken der Krankheiten und Störungen, die üblicherweise mit den oben genannten physiotherapeutischen Möglichkeiten behandelt werden, auf Übereinstimmung überprüft. Resultat dieser Arbeit ist, dass es hier deutliche Übereinstimmungen gibt, die vermuten lassen, dass Physiotherapie beim AS hilfreich ist. Natürlich sollten die Ergebnisse durch Fallberichte und/oder wissenschaftliche Studien bestätigt werden.
Jutta Kühl: Wie viele Physiotherapeuten gibt es in Deutschland, die sich der Thematik bereits angenommen haben?
Gudrun Holl: Das ist mir unbekannt. Im Rahmen der Vorbereitung und Durchführung der Arbeit habe ich viele Personen mit AS (bzw. deren Eltern) und Physiotherapeuten informell befragt. Vielen Physiotherapeuten ist der Begriff gänzlich unbekannt, lediglich den Physiotherapeuten, die vorwiegend mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, war das Störungsbild bekannt. Aber auch hier zeigte sich, dass konkret über physiotherapeutische Möglichkeiten beim AS noch nicht nachgedacht worden war.
Der Grund hierfür dürfte darin liegen, dass es historisch bedingt bis heute noch überwiegend so ist, dass Maßnahmen und Techniken der Physiotherapie biomedizinisch kategorisiert werden. Das heißt, dass Physiotherapie-Maßnahmen nach medizinischen Fachbereichen (zum Beispiel: Physiotherapie in der Inneren Medizin oder Physiotherapie in der Neurologie, usw.), nach medizinischen Diagnosen (zum Beispiel Physiotherapie bei Hemiplegie = Halbseitenlähmung (=> umgangssprachlich: "Schlaganfall") oder Physiotherapie bei der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose) oder eben nach Begründern einer bestimmten Methode (zum Beispiel Physiotherapie nach Vojta oder Physiotherapie nach Bobath) eingeteilt werden.
Das Asperger-Syndrom wird im Gegensatz dazu eben nicht den medizinischen, sondern international den psychischen Störungen zugeordnet. Genau dies hat meines Erachtens maßgeblich dazu beigetragen, dass das Asperger-Syndrom in der Physiotherapie nicht bekannt und damit physiotherapeutisch scheinbar nicht relevant ist - trotz der benannten motorischen, koordinativen und sensorischen Störungen.
Jutta Kühl: Gibt es Organisationen, an die sich Betroffene wenden können, wenn sie mehr über das Thema "Physiotherapie beim Asperger-Syndrom" erfahren möchten?
Gudrun Holl: Das ist schwer zu beantworten. Natürlich gibt es inzwischen eine Reihe von Fachbüchern zum Asperger-Syndrom und bundesweit sowie international Organisationen, in denen sich Betroffene, Eltern und Fachleute zusammengetan haben und austauschen (-> einige Organisationen finden Sie am Ende des Artikels bei den weiterführenden Info-Links). Bis zum Zeitpunkt meiner Bachelorarbeit waren hier jedoch auch über Physiotherapie beim Asperger-Syndrom keine Informationen erhältlich.
Über einen Erfahrungsaustausch mit interessierten Kollegen würde ich mich übrigens freuen!
Gudrun Holl durchlief von 1980-1982 ihre Physiotherapieausbildung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, das Anerkennungsjahr absolvierte sie im Rudolf-Virchow-Krankenhaus Berlin. Von 1995-2000 studierte Gudrun Holl an der WWU Münster Diplompsychologie und im Zeitraum 2005-2007 Bachelor of Physiotherapie an der FH Osnabrück. Seit 2007 ist Gudrun Holl wieder als Lehrkraft für Physiotherapie an der Lehranstalt für Physiotherapie des Institutes für Erwachsenenbildung (IEB) in Rheine tätig. Seit 2008 auch als Dozentin der Thim van der Laan Hogeschool (Utrecht) im Rahmen des Bachelorstudiums an verschiedenen deutschen Standorten.
Attwood T.: Asperger Syndrom - Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen, Trias Verlag, 2006, Übersetzung der englischen Ausgabe: Asperger`s Syndrome. A Guide for Parents and Professionals (1998)
Poustka F., Bölte S., Feineis-Matthews S., Schmötzer G.: Autistische Störungen: Leitfaden Kinder und Jugendpsychotherapie von Döpfner M., Lehmkuhl G., Petermann F. (Hrsg), Hogrefe, 2004
Ehlers S., Gillberg C.: the epidemiology of Asperger's Syndrome – A total population study, in: Journal of Child Psychology and Psychiatry 34, S. 1327-1350, 1993
Dezember 2009
Gudrun Holl
(Institut für Erwachsenenbildung, Rheine) und
Jutta Kühl (Deutsche Gesundheitsauskunft, Gelsenkirchen)
Datum der letzten Änderung: 15. Dezember 2009, Jutta Kühl